Teil 3: Und jetzt?!

Während die anderen beiden Teile meiner Geschichte sich fast automatisch und ohne Probleme geschrieben haben, fällt mir der dritte Teil schwerer. Obwohl das eigentlich der gute Teil ist. In dem es dann endlich bergauf geht. Aber vielleicht zeigt mir das schwere Schreiben auch, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist. Dass ich noch suche und immer weiter mache. Und das fühlt sich dann wieder gut an.

Also los. Das kriegen wir hin:

 

Reha und Psychodocs

Nach vielem hin und her war es schließlich die Krankenkasse, die mir eine ambulante Reha anbot. Das war tatsächlich eine gute erste Hilfe. Wenn du mal in einer akuten psychischen Krise nach einem Therapieplatz gesucht hast, weißt du wahrscheinlich, wie wichtig schnelle Hilfe in dieser Situation ist und wie schwierig sie gleichzeitig zu finden ist. Es gibt zu wenig Therapieplätze und zu viele, die einen Platz brauchen.

Ich hatte Glück: Innerhalb weniger Wochen startete meine Reha ganz bei uns in der Nähe. Die Reha war ein erster Schritt, ich hatte das Gefühl, es geht ein wenig bergauf. Ich wurde gezwungen mich um mich selbst zu kümmern und gleichzeitig hatte ich das Gefühl endlich aktiv etwas tun zu können und raus aus dem ewigen Kreislauf zu kommen. Vor allem aber waren in der Reha viele Experten, die mich und meine Medikamente mal unter die Lupe nahmen.

Und dabei kam dann etwas zum Vorschein, was für mich erst mal das absolute Worst Case Szenario war. Nach einigen Untersuchungen war klar, dass mein Körper sich massiv gegen die Medikamente wehrte, auf die ich mich seit Jahren verließ. Die Tabletten waren das einzige, was mich einigermaßen überleben ließ – dachte ich – und jetzt war überdeutlich, dass ich sie würde absetzen müssen. Und zwar so schnell wie möglich.

Es hätte alternative Medikamente gegeben, die Wirkung war aber ungewiss, die Einstellung auf die neuen Medikamente lang und risikoreich. Massive Nebenwirkungen waren wahrscheinlich und unschädlicher für meinen Körper wären die neuen Tabletten auch nicht. Aus dem Bauch heraus entschied ich mich dafür, ganz auf die Medikamente zu verzichten. Nach mehr als 10 Jahren hatte ich einfach das Gefühl, dass mein Körper jetzt einfach eine Pause brauchte.

Ich war lange nicht stabil aber irgendwo in mir drin war da so ein Gefühl, dass das der richtige Weg wäre. Und außerdem: ich hatte gerade nichts zu verlieren.

Denn ganz ehrlich; auch mit der Höchstdosis ging es mir nicht gut und offensichtlich war ich auf dem besten Weg mit diesem Zeug meinen Körper eher zu schaden. Und ich glaube, ich war auch irgendwie trotzig und hatte resigniert. Schlimmer als die letzten Monate konnte es nicht werden, oder?

Es fühlte sich einfach richtig an, diesen Schritt jetzt zu gehen. Ich hatte (und habe) Menschen um mich herum, die genau beobachten, wie es mir geht, die mich spiegeln und im Notfall einschreiten. Das hat mir letztlich den Mut gegeben, diese Entscheidung zu treffen und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

 

Keine Medikamente mehr

Unter ärztlicher Aufsicht habe ich ganz langsam die Medikamente abgesetzt, der 1.1.2016 war der erste Morgen ohne das übliche Tablettenritual.

Und was soll ich sagen: alle Befürchtungen wurden wahr: die Hölle brach los. Die erste Woche war furchtbar, mein Körper wehrte sich massiv mit Entzugserscheinungen, Panikattacken, Schlaflosigkeit, Überempfindlichkeit und heftigen Depressionen. Nur dank der Unterstützung durch meine Freunde und Familie hab ich das durchgestanden. In dieser Woche war ich nicht fähig, irgendetwas anderes zu machen als mich um mich selbst zu kümmern.

Aber nach dieser Horrorphase wurde die leise Ahnung ganz, ganz langsam zur Gewissheit: Es gibt eine Welt nach den Medikamenten. Ich fühlte mich leer und erschöpft aber auch so, als ob alles bereit für einen Neustart wäre. Ich war ganz unten aber ich hatte die Kraft, mich vom Boden abzustoßen und von da an ging’s nach oben.

Heute weiß ich, dass der Mensch vor allem an den schlimmsten Erfahrungen wächst. So dämlich das auch ist. Denn solange wir es uns in unserer Komfortzone irgendwie nett einrichten oder schönreden können, ändern wir nichts. Hab ich ja auch nicht gemacht.

Ich hab’s so lange ausgehalten, bis es nicht mehr ging. Und das geht leider den meisten so.

 

Und was ist jetzt das Geheimnis?

Ich hab lange darüber nachgedacht, was ich hier jetzt schreibe, was das Geheimnis ist, wie du dein Leben besser machen kannst und mit welchen 10 Schritten du ein glücklicher Mensch wirst, der sein leben liebt. Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich deshalb heute so glücklich bin, weil ich meinen Weg selbst gefunden hab. Weil ich vieles ausprobiert hab, in Sackgassen gelandet und wieder zurück gegangen bin. Weil ich Menschen getroffen hab, die mich ein Teil des Weges begleitet haben. Und weil ich immer noch und wahrscheinlich für immer auf dem Weg bin, mehr gute Zeit in mein Leben zu holen.

Es gibt keine Abkürzung zum Glück und dir das zu versprechen wäre unsinnig und alles andere als ehrlich.

Ich werd einfach weitermachen wie bisher: ich werd dir im Blog von meinen ganzen Hilfsmitteln, meinen Sackgassen, meinen Inspirationsquellen, Lieblingsbüchern und Herzensprojekten berichten, die mich im letzten Jahr begleitet haben und die mich noch weiter begleiten werden. Und du suchst dir einfach aus, was zu dir passt, ja? Probier’s aus, find’s gut, find’s doof, fall hin, steh auf. So hab ich’s auch gemacht und ich kann nur sagen: es lohnt sich.

Danke, dass du da bist!

 


Achtung bitte:
Wenn du hier gelandet bist weil du selbst mit Depressionen oder Psychokrams zu kämpfen hast und wenn es dir gerade oder immer mal wieder nicht gut geht, dann solltest du nochmal überlegen, ob du diesen Artikel liest, denn er kann im schlimmsten Fall negative Gefühle auslösen oder bei dir etwas triggern.
Und wenn es dir nicht gut geht und du nicht weiter weißt: bitte, bitte, für dich und deine Liebsten, such dir Hilfe. Es gibt Profis, die dir helfen können und es gibt keinen Grund, sich zu schämen! Es wird besser mit Hilfe. Ich versprechs!
Für mich war das Absetzen meiner Medikamente der richtige Weg, aber ich schließe nicht aus, zu einem späteren Zeitpunkt nochmal Medikamente zu nehmen, denn es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich die Medikamente dringend brauchte. Das Absetzen von Medikamenten geht nur in enger Absprache und Betreuung durch einen Arzt, der Experte auf diesem Gebiet ist. Das geht nicht alleine, also versuch das nicht sondern hol dir Hilfe!
Für alle, die nicht wissen, wie sie mit einem Freund umgehen sollen, der unter Depressionen leidet und/oder die befürchten, dass ein Freund suizidgefährded sein könnte: Den besten Artikel zu diesem Thema habe ich kürzlich bei Holyfruitsalad gelesen. Bitte lesen, abspeichern, wichtige Nummern rausschreiben.
In Notfällen gibts hier oder hier am schnellsten Hilfe, die du hoffentlich niemals brauchst!

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