Freundschaft, Dankbarkeit und Ringelsöckchen

Wenn alle Tage gleich ätzend sind und kein Ende absehbar ist, braucht es einen Strohhalm, an dem wir uns festhalten können. Einen kleinen Funken Hoffnung, der nach vorn schauen lässt.

Judiths Tage waren so. Immer wieder Krankenhaus, neue Arzttermine, noch ein Zyklus Chemo. Warten, hoffen, bangen und irgendwann vergessen. Vergessen, was gestern war, welcher Tag heute ist und was eigentlich noch am Leben hält. Irgendwann konnte sie mir am Telefon nicht mehr so genau sagen, was sie in den letzten Tagen so gemacht hatte. Alles war so gleich. So einerlei.

Als mir zu dieser Zeit das 5-Minute-Journal in die Hände fiel starteten wir einen Versuch.

Wir wollten beide jeden Tag aufschreiben, wofür wir dankbar waren, was unseren Tag schön gemacht hat und was wir uns für den Tag vornehmen wollten. Am Telefon konnten wir dann nachvollziehen, was die andere an welchem Tag gemacht hatte. Wir konnten die kleinen Notizen waren unsere Alltags-Spickzettel, waren Aufhänger für Geschichten und gaben uns das Gefühl, am Alltag der Freundin teilzunehmen.

Das Dankbarkeits-Tagebuch hat uns über viele Monate getragen. Es hat unsere Freundschaft gestärkt und Distanzen überbrückt. Es hat uns einander näher gebracht und uns dankbar gemacht.

Für mich war es oft herzzerreißend schön und bewegend, was Judith in ihr Tagebuch schrieb. Wofür sie dankbar war, wie sie sich Brücken baute und welche kleinen Details ihr wichtig waren, sie dankbar machten.

Als Judiths Gedächtnis nachließ, ihre Handschrift zittriger wurde und ihr das Denken und konzentriert bleiben immer schwerer fiel, haben sich die Einträge verändert. Noch Grundsätzlicheres, für uns oft Banales wurde noch wichtiger, machte sie noch so viel dankbarer. Seitenweise hab ich ihr aus meinem und ihrem Buch vorgelesen und wir haben uns Geschichten ausgedacht zu Einträgen, deren wirklichen Beweggründe wir schon lange vergessen hatten.

Ganz am Ende hat sie mich nochmal überrascht. Im Schneckentempo sind wir spazieren gegangen und haben alle paar Meter Erholungspausen auf Gartenmäuerchen eingelegt. Bei einer dieser Pausen fragt Judith:

„Weißt du, wofür ich so dankbar bin?“

„Wofür denn?“ frage ich zurück.

„Für meine Socken. Weil die so bunt geringelt sind machen sie mich so fröhlich. Dafür bin ich wirklich dankbar.“

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