Teil 2: Mittendrin und ganz unten.

Der Zeitpunkt ist gekommen die Geschichte zu erzählen, die zum  Entstehen von mehrgutezeit.de und meinem jetzigen Leben geführt hat.

Teil 1 gibt es hier


Achtung bitte:
Wenn du hier gelandet bist weil du selbst mit Depressionen oder Psychokrams zu kämpfen hast und wenn es dir gerade oder immer mal wieder nicht gut geht, dann solltest du nochmal überlegen, ob du diesen Artikel liest, denn er kann im schlimmsten Fall negative Gefühle auslösen oder bei dir etwas triggern.
Und wenn es dir nicht gut geht und du nicht weiter weißt: bitte, bitte, für dich und deine Liebsten, such dir Hilfe. Es gibt Profis, die dir helfen können und es gibt keinen Grund, sich zu schämen! Es wird besser mit Hilfe. Ich versprechs!
Für alle, die nicht wissen, wie sie mit einem Freund umgehen sollen, der unter Depressionen leidet und/oder die befürchten, dass ein Freund suizidgefährded sein könnte: Den besten Artikel zu diesem Thema habe ich kürzlich bei Holyfruitsalad gelesen. Bitte lesen, abspeichern, wichtige Nummern rausschreiben.
In Notfällen gibts hier oder hier am schnellsten Hilfe, die du hoffentlich niemals brauchst!

Das ging nicht durch, das ging nach unten

Das mit dem „Augen zu und durch“ ging gründlich schief. Mitte Dezember 2014 bin ich in unserem Badezimmer zusammengebrochen und war völlig am Ende. Da habe ich im wahrsten Sinn des Wortes alle Viere von mir gestreckt. Ich hab die Waffen gestreckt, sozusagen. Im tiefsten Innern war mir da klar, dass es so nicht weitergehen kann. An diesem Morgen im Dezember hat sich für mich alles geändert. Ich fühlte nichts mehr, alles war leer und ich lag da stundenlang auf dem kalten Boden bis ich die Kraft fand, aufzustehen und zum Arzt zu gehen.

Meine Hausärztin hat mich immer wochenweise krankgeschrieben und ich weiß noch, dass ich jede einzelne Woche schon zwei Tage vor dem Arzttermin Panik hatte, dass ich wieder gesundgeschrieben werden könnte und zurück zur Arbeit muss. Trotzdem hat mich mein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Kollegen fast umgebracht und mir körperliche (Magen)Schmerzen verursacht, wenn ich nur an sie dachte. Mein Herz schlug schneller und ich bekam Panik, wenn ich nur den Arbeitscomputer angeschaut hab. Über Wochen ging das so. Ich war unfähig, irgendwas zu tun und in einer tiefen Depression mit Panikzuständen gefangen.

 

Nicht sehen, nicht hören, nicht fühlen.

Ich habe stundenlang geheult und lag manchmal tagelang im Bett ohne mich zu bewegen. Ich habe nicht geschlafen, was man ja vermuten könnte, wo ich ja den ganzen Tag im Bett lag. Aber ich lag nur da und meine Gedanken drehten sich im Kreis. Depressionen haben, erkläre ich immer so: du wachst morgens auf und fühlst im tiefsten Innern, dass du ein Riesenproblem hast. Es fühlt sich an, als würde jemand dein Herz mit kalten Klauen fest zusammenquetschen. Du spürst also, dass etwas ganz furchtbares geschehen ist, weswegen es dir so schlecht geht – aber leider hast du vergessen, was das Problem ist. Stunden, Tage, Wochen, manchmal Monate hält dieses Gefühl an und immer bist du auf der Suche nach Problemen um dieses beschissene Gefühl in dir drin endlich zuordnen zu können. Um es rational angehen und lösen zu können.

In diese Gedankenkreisel konnte ich mich Stunden und Tage verlieren. Nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Vom Hundertste ins Tausendste. Nichts ist mehr sicher, wenig real, alles irrelevant. Und alles ist so anstrengend.

Mein Alltag war der ewige Kreislauf aus schlafen, grübeln, Panikattacke, weinen, schlafen, grübeln, Panikattacke, weinen und das ganze von vorn.

Ich war unfähig, die normalsten Dinge zu tun. Natürlich wusste ich, wie das geht und dass Aufstehen, duschen und anziehen nicht schwer ist und ich das ja durchaus schon mal gemacht hatte. Füße, Beine, Arme – alles fähig die notwendigen Handlungen auszuführen und dennoch habe ich es nicht geschafft.

 

Von außen ganz normal

Das Schöne ist ja, dass man (ich!) natürlich ganz massiv an sich selbst zweifelt. „Du hast doch gar keine richtige Krankheit! Was ist wenn du dir das nur einbildest? Bist du vielleicht einfach nur faul? Jetzt stell dich nicht so an! Anderen geht es viel schlechter als dir.“

Das macht’s nicht besser, ganz im Gegenteil. Man sieht diesen psychischen Mist ja auch nicht von außen. Und ich hatte mir ja ganz wunderbar beigebracht, nach außen auch schön immer so zu tun, als wäre alles super! „Auf keinen Fall zugeben, dass in dir drin alles zerbrochen ist. Denn eigentlich hast du so gar keinen Grund dich zu beschweren. Was sollen denn die anderen denken?!“ Teil des Problems, würde ich sagen.

Und anders als bei einem Armbruch oder so einem, was weiß ich, Kreuzbandriss, hat man nicht nur nichts worüber man so richtig reden will, oder was man von außen schön sieht, auch die „Verheildauer“, die Genesungszeit ist äußerst ungewiss.

Mit diesem Kreislauf aus schlafen, grübeln, Panikattacke und in den Schlaf weinen, hätte es vermutlich ewig weitergehen können, aber nach einigen Wochen hatte ich immerhin das Gefühl, so klar sehen zu können, dass ich mir ganz banal aufgeschrieben hab, auf kleine Zettel, was gut ist in meinem Leben und was schlecht. Das hat Tage gedauert, aber irgendwie ist in mir die Idee entstanden, dass ich was ändern muss. Dass ich mein Leben so nicht weitermachen will.

Irgendwann war dann endlich klar, dass ich kündigen muss. In keinem Szenario, das ich mir so ausmalte, konnte ich wieder zurück zu meiner Arbeitsstelle.

Meine Ärztin hat mir geraten, diese Entscheidung noch nicht zu treffen und auch meine Chefin hat mir signalisiert, dass ich mir Zeit lassen und zurückkehren kann. In einem Telefonat mit ihr habe ich zum ersten Mal ausgesprochen, was heute Dreh- und Angelpunkt all meiner Entscheidungen ist: selbst wenn ich wieder arbeitsfähig werde, muss ich zukünftig meine Zeit und Energie anders einteilen. Es wird keine 100% mehr geben und das, was übrigbleibt, passt nicht mehr in dieses Anstellungsverhältnis.

Alles hat sich von da an verändert und morgen geht’s hier weiter mit dem dritten Teil (und dann geht’s endlich bergauf).
Und hier gibt es in Interview dazu, das Damaris mit mir geführt hat.

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