Teil 1: Reinschlittern in die Krise

Heute bin ich ein sehr glücklicher Mensch und langsam aber sicher bei mir angekommen. Ich kann von ganzem Herzen sagen: ich liebe mein Leben und es ist wunderbar!
Das war aber nicht immer so. Ich habe lange überlegt, ob ich meine Geschichte in dieser Form veröffentlichen soll. Irgendwie fand ich keine Form, keinen Platz, keine Worte.

Damaris hat mir letztlich die Entscheidung abgenommen, indem sie mich um ein Interview bat. Ohne Zögern habe ich zugesagt. Mein Bauchgefühl war richtig und ich vertraute Damaris voll und ganz. Und Reden, meine Lieben, das fällt mir ja selten schwer.
Schon im November haben Damaris und ich also das Videointerview aufgezeichnet, das du dir hier anschauen kannst.

Und jetzt ist auch der Zeitpunkt gekommen, den ganzen Rest zu erzählen. Die ganze Geschichte, die zum  Entstehen von mehrgutezeit.de und meinem jetzigen Leben geführt hat.


Achtung bitte:
Wenn du hier gelandet bist weil du selbst mit Depressionen oder Psychokrams zu kämpfen hast oder jemanden kennst, der sich damit rumschlägt, dann bitte lies den folgenden Absatz:
Wenn es dir gerade oder immer mal wieder nicht gut geht, dann bitte, bitte, für dich und deine Liebsten, such dir Hilfe. Es gibt Profis, die dir helfen können und es gibt keinen Grund, sich zu schämen! Es wird besser mit Hilfe. Ich versprechs!
Für alle, die nicht wissen, wie sie mit einem Freund umgehen sollen, der unter Depressionen leidet und/oder die befürchten, dass ein Freund suizidgefährded sein könnte: Den besten Artikel zu diesem Thema habe ich kürzlich bei Holyfruitsalad gelesen. Bitte lesen, abspeichern, wichtige Nummern rausschreiben.
In Notfällen gibts hier oder hier am schnellsten Hilfe, die du hoffentlich niemals brauchst!

Hier gehts los mit Teil 1:

Eigentlicher Traumjob

Ich hab selbst ziemlich lang gebraucht um zu verstehen, was eigentlich passiert ist und warum das alles so kam. Was faktisch passiert ist, ist ganz schnell erzählt: ich hatte eigentlich den perfekten Job. Grob gesagt war ich in der Kommunikationsabteilung eines großen Unternehmens beschäftigt und hab mich dort um Layout und Fotos der Unternehmenspublikationen gekümmert. Mein Job beinhaltete alles, was ich sehr liebe: ich bin viel gereist, habe tolle, kreative Menschen kennengelernt, durfte mich mit Fotos beschäftigen und hey, die Bezahlung war auch nicht schlecht. Ich hatte also einen tollen Job um den mich viele beneideten.

Mit Fotos und Layout und Kreativen zu tun zu haben, zu reisen das machte mir Spaß. Was so unfassbar anstrengend für mich war – weil es mir so gar nicht liegt – war das Spielchen spielen. Das Taktieren gegeneinander, das strategisch sein. Das Ellbogenausfahren. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Ich habe das gehasst, war schlecht darin und hatte deshalb immer das Gefühl, nicht dazu zu gehören und schlecht in diesem Spiel zu sein. Aber hey, dazu gibt es ja Weiterbildungen, die dir das beibringen, ist das nicht schön?!

 

Immer schneller, immmer schneller! Nicht anhalten!

Im Rückblick hab ich noch etwas erkannt: Aus dem Gefühl heraus, etwas leisten zu müssen, erfolgreich sein zu müssen, hab ich mir eigentlich seit Beginn meines Studiums keine Pause mehr gegönnt. Auf Abi folgte Bachelor, folgte Master und in derselben Woche, in der ich meine Abschlussarbeit abgegeben habe, habe ich den neuen Job angetreten. Noch vor Abgabe der Arbeit hatte ich meine ersten Termine zur Übergabe und Einarbeitung. Man nennt das vermutlich; vom Regen in die Traufe.

Aber als Mitte November das Jobangebot kam, war das paradoxerweise der Grund für mich, nach vorn zu blicken. Wer weiß, ob ich ohne diese Aussicht auf den Job überhaupt irgendwann (ohne größeren Zusammenbruch) die Kraft gefunden hätte, meine Masterarbeit zu beenden oder besser; als beendet zu erklären. Wahrscheinlich nicht. Ich war da eigentlich schon mehr als angeschlagen.

Und die neue Arbeit gab mir die Gelegenheit, über etwas anderes nicht nachdenken zu müssen. Darüber, dass ich meine beste Freundin Judith verabschieden musste. In der ersten Arbeitswoche kam dann auch der Anruf, dass Judith verstorben war. Auf dem Weg zur Beerdigung hab ich mich eingearbeitet in die Unterlagen meiner Vorgängerin im neuen Job. Die Beerdigung selbst habe ich nur so halb durchgestanden. Zur Trauerfeier danach konnte ich nicht gehen. Judiths Familie, die irgendwie auch meine war; das ist bis heute zu viel für mich.

Rückblickend habe ich einfach über die Gefühle hinweggearbeitet. „Jetzt erstmal dieses Projekt fertigmachen – geht ja nur noch X Wochen, dann ist ja erstmal Ruhe.“, war das Credo. Aber nach dem Projekt ist nicht nur vor dem nächsten Projekt, da kamen nahtlos noch ein paar kleine Zusatzprojektchen rein und viele andere Dinge dazu und immer ist irgendein Projekt am Laufen, das ganz dringend mich und meine Hilfe brauchte. Kollegen verließen das Unternehmen und wurden nicht ersetzt, die Arbeit stattdessen aufs Team verteilt. Überstunden waren an der Tagesordnung. Selbst einteilen sollten wir uns die Arbeitszeit, da schaute keine Stechuhr drauf. Das musste auch nicht sein. Sowas regelt sich intern. Psychologisch.

 

Unstoppable – nicht aufzuhalten.

All hat dazu beigetragen, dass ich langsam aber sicher in den totalen Burnout geschlittert bin. Und ewig hab ich die Anzeichen ignoriert. Mindestens ein Jahr lang, bestimmt noch länger.

Wenn ich an dieses Jahr 2014 zurückdenke, kann ich nur den Kopf schütteln. Alle psychischen Beschwerden hab ich geflissentlich ignoriert und kleingeredet, mein Körper hat dann mit physischen Beschwerden nachgelegt und zwar immer massiver. Ich war auf Höchstdosis Antidepressiva und trotzdem psychisch nicht stabil.

In einer der heikelsten und stressigsten Zeiten im Büro war ich ständig erkältet, dann hat mein Magen rebelliert, schließlich waren meine Schultern dermaßen verspannt, dass ich Kopfschmerzattacken inklusive Erbrechen hatte. Massive Hautausschläge, unerklärliche Schmerzen und Stimmbandentzündungen wechselten sich fröhlich ab. Ich hatte irgendwann keine Möglichkeit mehr zu sprechen, konnte mich nur noch schriftlich mitteilen. An dieser Stelle hätte dann Schluss sein müssen. Ich hätte mich krankmelden und auf mich konzentrieren müssen. Stattdessen bin ich nur zu Hause geblieben und hab von dort aus weitergearbeitet. Home Office. Ja, richtig gelesen. Heute schüttelt mich alles, wenn ich daran denke, wie fahrlässig ich mit mir umgegangen bin.

Aber ganz ehrlich: ich hab in dem Moment keine andere Lösung gesehen.

„So viel zu tun, wie soll das ohne mich gehen?“

„Was sollen die Kollegen denken?“

„Wenigstens das Projekt noch, danach mach ich Urlaub.“

„Noch ein bisschen, das schaffst du jetzt auch noch!“

„Ich hab jetzt viel zu lang an diesem und jenem gearbeitet um jetzt aufzugeben.“

„Du stehst noch ganz am Anfang deiner Karriere, du musst dich erstmal beweisen.“

„Alle anderen arbeiten doch genauso hart/lang/exzessiv, nur du kannst das nicht?“

Wer hat solche Sätze noch nicht gehört oder gedacht?!

Mehr schlecht als recht hangelte ich mich also durch die Arbeitstage. Die Monate zogen so dahin, das Lächeln wurde immer gequälter, die Ausflüchte häufiger, die Arbeitstage länger, die Medikamente mehr, der Schutzpanzer dicker. Es war so ungeheuer anstrengend und hat mich von innen ausgehöhlt, aber das wollte ich nicht sehen.

Auf zwei Jahre war die Stelle erst mal befristet, eine Verlängerung ungewöhnlich. Als die dann Ende 2014 doch kam, war ich nicht so richtig glücklich. Die Euphorie blieb aus, ich schob es auf den Stress. Augen zu und durch, dachte ich. Ich war mir sicher: bald würde es besser werden, ich schaffe das schon.

Ich wurde eines besseren belehrt. Hier geht’s weiter mit dem 2. Teil.

 


 

Passt auf euch auf!
Sarah

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